top of page

22. Januar – 25. Februar

Bergbilder von Kitsch bis Kunst

Sammlung Max J. Regensburger

lesen Sie die Einführung von Ernst Geyer...

Guten Morgen zu unserer ersten Ausstellung im noch fast neuen Jahr.

Wenn ich das Programmangebot der Galerie im vergangenen Jahr Revue passieren lasse, dann bin ich selber erstaunt: die Themenstellung unserer Ausstellungen ändern sich - schleichend, aber kontinuierlich:

  • Im Frühsommer des vergangenen Jahres: „Bruno Tausend“ – das war der Versuch einen renommierten und wichtigen Maler vom Samerberg wieder in die Kulturerinnerung der Region zurückzuholen. 

  • Im Sommer dann „Mischkulanz“, vier künstlerische Positionen von K ü n s t l e r i n n e n  aus der näheren Umgebung.

  • Und die letzte Ausstellung im vergangenen Jahr: „Frische Farbe“ – 14 ehemalige Studenten des Münchner Akademieprofessors Horst Sauerbruch, dokumentierten mit ihren Arbeiten dessen kunstpädagogisches Vermächtnis nach seinen für alle überraschend schnellen Tod.

Und heute als Ausstellungsauftakt in 2023: „Berge - Kunst oder Kitsch“ – die Bergbildersammlung des Max Regensburger.

 

Warum machen wir diese Ausstellung?

Max war ein enger Freund von uns und der Galerie.                            

Die Präsentation seiner Bergbildersammlung unter dem Titel „Kitsch oder Kunst“ – da bin ich mit ganz sicher – das hätte ihm gut gefallen.   

Die Ausstellung könnte auch als „Regensburger meets Galerie Villa Maria“ getitelt werden. 

An der Stelle ein großer Dank an Regina, Sarah und Verena Regensburger, ohne deren Hilfe und Mitarbeit wäre diese Ausstellung nicht möglich wäre. 

Bei dem Titel stellte sich mir als erstes die Frage:                               

Was ist denn eigentlich Kitsch?  

Wikipedia definiert Kitsch als zumeist abwertend und gemeinsprachlich für einen, aus Sicht des Betrachters, minderwertigen Gefühlsausdruck. Kitsch wird in Gegensatz zu einem künstlerischen Bemühen um das Wahre und Schöne gesetzt - und weiter: Kitsch sei ein zu einfacher künstlerischer Weg Wirklichkeiten wiederzugeben. Dieses künstlerische Bemühen wird als sentimental und trivial gewertet.                                        Ist dem so, dann ist es  K i t s c h.  

Aber ist es nicht auch richtig, dass das Auffassen eines Themas und das Missverstehen des gleichen Themas einander nicht ausschließen?

Für die Unterscheidung von Kunst und Kitsch gilt das besonders. Denn was vernachlässigt wird, wenn es um Kitsch geht ist, dass Kitsch im Kern die Sehnsucht nach einer heilen Welt ist. 

Eine Sehnsucht, die übrigens bei der aktuellen weltpolitischen Lage gerade Konjunktur hat. Danach sind wir topaktuell mit dem Thema.

Kitsch beschränkt sich ja nicht nur auf die darstellende Kunst, auf Malerei und Bildhauerei. Kitsch kommt überall dort vor, wo Wirklichkeit wiedergegeben wird:                In Literatur, Film, Theater, also überall, wo Kultur produziert wird. Und Kultur, da sind sich alle einige, Kultur ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Kultur erklärt und deutet, zeigt auf und provoziert. 

Deshalb ist auch der Kitsch unzweifelhaft Kultur. 

Berge sind in allen kulturdefinierten Genres ein gern genommener thematischer Rahmen. Sie repräsentieren die Erinnerung an Zeiten, wo alles noch besser, stimmiger gewesen sein soll: die unberührte Natur, die Sehnsucht nach dem dort vermuteten wahren Leben – tragisch oder komödiantisch aufgelöst – ein thematischer Rahmen, der im Kulturbetrieb gern genommen wird. 

Wirklichkeiten aber sind nicht immer das, was man mag. Wirklichkeiten konfrontieren einen oft mit Wünschen für die eigene Wirklichkeit, die man sich gerne anders wünscht, schöner, stimmiger. Das geht aber oft nicht, denn das, was diese Wirklichkeiten ändern würde, das liegt selten in unserer Hand. Wirklichkeiten sind oft nicht zu ändern, auch wenn wir das gerne so hätten. 

Und weil es so ist, ist Kitsch ein probates Hilfsmittel, sich wegzuträumen von dem, was ist. Wen verwundert’s deshalb, dass Kitsch immer noch und immer wieder gern genommen und gekauft wird. Gerade in bedrohlichen Zeiten, um ihn, den Kitsch, in der eigenen Umgebung sich selbst zu präsentieren, als das, was für einen eine wertige Lebensumgebung wäre – inhaltlich und formal. 

Ich nehme mich da nicht aus.

Kitsch ist auch das Urlaubsfoto mit einem unvergesslichen Sonnenauf-  oder -untergang. Aber es ist auch die Erinnerung an eine perfekte Minute des Glücks und des inneren Friedens. 

In diesen Momenten war oder ist das Glück dann Wirklichkeit. Deshalb versucht man es festzuhalten, um sich später an genau diese Minute des Glücks erinnern zu können. 

Erklären diese Wünsche nicht auch den Erfolg von Instagram und den anderen social medias, nämlich andere daran teilhaben lassen zu wollen…. nicht immer zur Freude der Adressaten, aber immer zur Bestätigung des eigenen Seins?

Was ist daran zu kritisieren? 

Nichts meine ich, solange man weiß, dass diese Glücksgefühle rar sind. Dann ist es auch legitim, sie festzuhalten. Vielleicht auch, um sich schwierige Situationen erträglicher zu machen, wenn die oft und zu andauernd das Leben dominieren, und dann verbunden werden mit dem Gedanken: Es gibt diese Glücksmomente; es gab sie und es wird sie wieder geben. 

Kitschige Fotos oder Bilder, Lieder oder Filme sind kleine Fluchten aus der Wirklichkeit. Solange man sich dessen bewusst ist, sind sie – meine ich - auch legitim. 

Die Berge, das ist so ein Fluchtraum. Vielleicht war das auch das Motiv von Max Regensburger diese Gemälde mit der ihm eigenen Akribie zu sammeln. Wir haben die Bilder seiner Sammlung bewusst unkuratiert gegenübergestellt, Bilder, wo man nicht genau weiss: ist das schon Kitsch oder doch schon Kunst.

Arbeiten, wo der Künstler nicht ausfinding gemacht werden konnte, die aber gute Arbeiten sind und solche, wo man die Übersteigerung schnell erkennt. Aber diese Wertungen sind immer subjektiv und für den jeweiligen Betrachter ist seine Wertung immer gültig. 

Wir wollen mit dieser Ausstellung nix offenlegen und auch nichts werten oder klassifizieren. Bilder kauft man, um mit ihnen zu leben. Und jeder der das tut, der zeigt Emotion und Zuwendung zur darstellenden Kunst.

 Die Haltungen dazu müssen nicht deckungsgleich sein und es lässt sich darüber gut diskutieren und eine allgemein gültige Verbindlichkeit gibt es in solchen Gesprächen nicht, denn jeder Recht.

Genau das wollen wir erreichen mit dem, was wir in unseren Ausstellungen präsentieren: Sich auseinandersetzen mit den ausgestellten Bildern.    Bilder zeigen immer Wirklichkeiten.                           Wenn sie den Betrachter emotional berühren, dann ist auch Kitsch für den Betrachter ein wichtiger seismographischer Verweis auf seine subjektiv gespürte Wirklichkeiten.   

Wir bieten zu dieser Ausstellung als Begleitprogramm eine Literaturlesung an: Am 10. Februar um 20.00 Uhr liest Stefan Merki, Schauspieler der Münchner Kammerspiele, aus Romanen, wo der Erzählrahmen die Bergwelt ist. Auch hier kontrastierend, Hochliteratur versus Groschenroman. Beides ist nachgefragt, beides hat sein Publikum ….und das zu Recht. 

Kitsch oder Kunst ist ein Thema, das zu dieser Galerie gut passt, denn wir verstehen sie als Plattform sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. 

Und Kitsch ist auch ein Weg zum Verständnis von Kultur, und Kultur hilft immer eigenes Erleben erfahrbarer zu machen. Galerien sollen gute Räume sein, dieses eigene Erleben erfahrbarer zu machen.

Deshalb betreiben wir diese Galerie und deshalb ist diese Galerie auch eine Vinothek – auch Wein hilft Leben erfahrbarer zu machen und ist ein Kulturgut.

Ich wünsche Ihnen einen erfahrungsreichen Sonntag-Vormittag.

Rede
bottom of page