Bruno Tausend
8. Mai - 12. Juni 2022

Rede von Ernst Geyer zur Eröffnung der Ausstellung "Bruno Tausend - der vergessene Maler vom Samerberg"

 

Dies ist eine besondere Ausstellung: 

Wir stellen erstmals einen Maler aus, der nicht mehr lebt. 

Bruno Tausend starb vor rund 40 Jahren, 1984, 69zigjährig.  

 

Bruno Tausend war in den 50iger, 60iger und 70iger Jahren eine Art - heute würde man sagen - shooting Star und das nicht nur in der regionalen Malerszene. Seine Bilder wurden hoch gehandelt, in Münchner Galerien und nicht nur dort. 

Bruno Tausend faszinierte Menschen für seine Bilder, fand schnell Sammler, nicht nur hier in Deutschland. 

Einem dieser Sammler, Heiner Schäfer, ist besonders zu danken, dass diese Ausstellung hier heute eröffnet werden kann. Er hat zwei weitere Sammler, Andreas Halbach und Frau Veronika Ronge, überzeugt, auch Bilder aus deren Sammlungen zur Verfügung zu stellen. Ihre Leihgaben sind das Gros dieser Ausstellung. 

Das erklärt, warum viele Bilder erwerbbar, aber auch warum viele unverkäuflich sind. Sammler trennen sich nicht gern von erworbenen Bildern.

Vielen Dank hier all denen, die uns Bilder zur Verfügung stellten. 

 

Bruno Tausend ist es wert, wieder ins Gedächtnis gerufen zu werden. 

Es ist wert, nochmal die Breite seines malerischen Werks offen zu legen, um nachzuvollziehen, was die Faszination ausmachte, die von ihm und seiner Arbeit ausging.

 

Im Haus meines Schwiegervaters Hans Heyn sah ich Anfang der 70iger erstmals ein Bild von Bruno Tausend – eines seiner Waldbilder. 

Für mich war es ein Malstil, den ich so nicht kannte, vorher noch nirgendwo sah: Ein wilder Mix von Abstraktion im Sinne von Konzentration auf das Wesentliche und scheinbar naiver Malerei. 

An d a s  Bild erinnere ich mich heute noch.

Was ist das Faszinierende im malerischen Werk von Bruno Tausend? 

 

Tausend lebte und arbeitete am Samerberg, eher zurückgezogen. Stilistisch war er – das kann man in dieser Ausstellung wiederentdecken – eine Einzelerscheinung, unverwechselbar, kaum ohne Vorbild.

 

Der Vater, Zollbeamter und malerischer Autodidakt. 

Von ihm rührte sein Interesse an der Malerei. 

Bruno Tausend studierte 1939 bis 1945 (!) an der Münchner Akademie Malerei bei Constantin Gerhardinger und Hermann Caspar, der ihn als Meisterschüler aufnahm. 

Blätter aus dieser Zeit mit portrait- und naturgetreuen Abbildungen beweisen sein (malerisches) Talent. Sein malerischer Weg schien durch diese beiden Lehrer vorgezeichnet.

In den 50iger Jahren aber dann ein Bruch, ein Wandel in seinem Malstil. 

Für ihn war es ein Aufbruch in eine andere Welt. 

 

Hans Heyn beschrieb das so: 

„Der Gegenständlichkeit der Dinge setzt er sein inneres Erleben, den Prozess der Besinnung auf das Wesenhafte entgegen, was ihn wiederholt an den Rand bewussten Lebens bringt, ihn letzten Endes aber die geistige Welt erfahren lässt.“

Was heisst das?

Mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Malerei machte sich Tausend auf zu seiner Suche nach dem, was er als wesentlich in der Welt erkannte. Ein schwieriger Weg. Zumal zu seiner Zeit, nach dem Ende dieses Weltkrieges, der soviel Leid und Zerstörung brachte. Aber auch eine Zeit, Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen. 

Schwer Erklärbares in einen Zusammenhang zu bringen, das ist ein Weg, der einen schon an den Rand bewussten Lebens bringen kann, der einen also „verrückt“ machen kann. Heute würde man vielleicht sagen: er war ein borderliner. Aber er war einer, der daraus für sich essentielle Erkenntnisse zog, die er in Bildern ausdrückte.

Tausend selbst sagt: 

„Ich sah zuerst alle Gegenstände der Natur nur optisch. Alsbald war ich jedoch überzeugt, dass hinter allen Dingen der Natur eine große Phantasie steckt. Ich suchte die Natur subjektiv und versuchte, die verschiedenen Formen gegeneinander zu setzen. Damit kam die Vielfalt der Natur geistig zum Ausdruck. Dadurch hatte ich die Schöpfung entmaterialisiert und auf einen geistigen Punkt zurückgeführt. Ich sah, dass weder die Natur als Materie selbst entstand, noch das, was der Mensch erfindet.“ 

Bruno Tausend war ein tiefgläubiger Mensch, der in der göttlichen Schöpfung die Erklärung der Welt erkannte. 

 

Hans Heyn fasste diese Erkenntnis von Tausend so zusammen: 

„Er entfernte sich vom rein Gegenständlichen und gelangte in der unwirklich-wirklichen Mitteilung zu Symbolwerten. Was auf den ersten Blick als Naivität und in der biblischen Darstellung als gläubige Einfalt erscheint, wird als großes Verständnis eines Zusammenhangs begriffen.“ 

Bruno Tausend war also ein Sinnsucher. 

Er hatte für sich die Welt enträtselt und gedeutet. 

Das Mittel, seine Erkenntnisse der Welt mitzuteilen, das war sein malerisches Werk. 

Das erklärt seine Bilder. 

Und es wird einsichtig, warum seine Bilder heute, oder vielleicht gerade heute immer noch und in diese Ausstellung wieder faszinieren. 

 

Heiner Schäfer hat in jahrelanger und akribischer Arbeit ein Werkverzeichnis von Bruno Tausend erstellt – er betitelte es mit: Lobpreis der Schöpfung.

Wie recht er mit diesem Titel hat.