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Aktuelle Ausstellung
Peter Tomschiczek
- Steinweiden -
2. Juli bis 1. August 2010
Eröffnung am 2. Juli 2010 um 19:00 Uhr
Peter Tomschiczek, Villa Maria, 2010
- Anlass -
Dieses hier ist eine Feier-Ausstellung, denn im Januar hatte PT seinen 70. Geburtstag, und
das ist der Anlass. Aber natürlich nicht der einzige – es gibt auch einen großen Schwung brandneuer starker Bilder.
Warum hier? PT. wohnt hier in der Nähe, in Ellmosen, aber die Freundschaft zu den Heyns gab es schon in den 60er Jahren.
Damals machte Hans Heyn, der Vater von Constanze und später Schwiegervater von Ernst Geyer, als junger Kulturjournalist
des OVB, auf PT aufmerksam. U.a. konnte ihn für die Illustration zweier Bilderbücher gewinnen.
(Die allerletzten Exemplare dieses „Frühestwerkes“ hier in der Galerie).
Damit war HH früh dran, aber T bot schon Vielversprechendes. Kaum ein Maler heute kann auf eine so
fundierte Ausbildung zurückgreifen (Siebdrucker-Lehre, Kunst und Handwerkerschule Würzburg und Studium
an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg).
Förderpreise für T. gab es dann Ende der 70er Jahre, und
ab Mitte der 80er so ansehnliche Auszeichnungen wie den Seerosenpreis der Stadt München, das Gaststipendium
Villa Massimo Rom, den Sudetendeutschen Kulturpreis für, die Kulturpreise der Städte Bad Aibling und Rosenheim,
das Bundesverdienstkreuz – und einen Lehrauftrag an der Bad Reichenhaller Sommerakademie.
Mit seinen Erfolgen einher gingen und gehen unzählige Ausstellungen, von denen PT manche besonders am
Herzen liegen. Dazu gehörte auch die jüng-ste in Mali Lošinj. Lošinj ist die
Nachbarinsel von seiner zweiten Heimat, der istri-schen Insel Cres, und mit der
Ausstellung wollte er ein wenig von dem quasi zurückbringen, was er an Eindrücken dort
gewonnen und in seine Bilder mitgenommen hatte. Diese grafischen Herzensangelegenheiten
sind von dort direkt hierher gekommen. Sie bilden den dritten Teil einer „Trilogie“ in
der Villa Maria, die sich mit dieser kargen Landschaft befasst: nach „Im Karst“ zweimal „Steinweiden“.
- Steinweiden II -
„Steinweiden I“ im Jahr 2008 zeigte einen Querschnitt aus Arbeiten der vorangegangenen Jahre –
auch das war eine Art Feierausstellung nach einer schweren Krankheit, auf die – statt Reha -
eine ausgedehnte Reise durch Ghana folgte. Afrika ist seit vielen Jahren der zweite Reise-Schwerpunkt der T‘s.
[Wir können uns freuen auf die Ausstellung im nächsten Jahr in der Städt. Galerie Rosenheim mit vielen dieser
kraftvollen großen Arbeiten, die mit den Eindrücken von dort entstanden sind. Eine hängt hier im
Saal mit dem Grafik-schrank – in den Erdtönen sehr passend und tatsächlich ja eine Art „Auftakt“, auch für die neue „Steinweiden“-Folge.]
Die Steinweiden-Blätter sind ein Kondensat aus Eindrücken von der Insel, fast alle
in diesem Jahr entstanden. Der Titel erinnert an die steinigen und von Steinmauern
eingefassten Weiden auf Cres. Nachdem im ersten Teil die Schafbock-Schädel schon
manchmal eine sehr bedrohliche Schwärze, Monu-mentalität und Nähe angenommen hatten – ist es eine fast lebensvolle Welt.
PT gehört unter den Malern zu der selten gewordenen Spezies, die wenig Gerede machen um ihre Malerei –
und zu den noch selteneren, die das auch nicht nötig haben. Denn es ist keine mit Theorien
aufgeladene Kunst, sondern eine, die wie ihr Macher - und wie die Natur - durch Präsenz und Kraft wirkt.
Seit einer Woche ist der Dokumentarfilm von Boris Tomschiczek über seinen Vater als DVD erhältlich – ein wunderbares Porträt,
das mit wenigen Worten, aber ruhigen und eindringlichen Bildern viel von diesen Zusammenhängen vor Augen führt.
Von Cres sind Ihnen als Serienbezeichnung von Tomschiczek-Bildern vielleicht „Gatterweg“ und „Macchiatisch“ ein Begriff.
Sie verweisen auf die einfachen Gatter zwischen den kargen, schattenlosen Weiden auf Cres und auf die massiven, grob
gezimmerten und der Verwitterung ausgesetzten Tische der Hirten in der Wildnis aus Macchia und Salbei.
Es sind Spuren des Menschen, die Tomschiczek ansprechen: das einfache, einfühlsame Leben mit der Natur,
nicht gegen sie. Und es sind Formen, wie sie ihm gefallen: wuchtig und ungekünstelt – markante Akzente im Graugrün.
Schon in den 80er Jahren gab es Fundstücke in T‘s Bildern: neben Papieren Knochen, Federn, Schlangen, vertrocknete
Frösche oder Gewölle. Wenig später entstand die grandiose Serie Nature Morte -
Bilder von überfahrenen Katzen, deren Gliedmaßen sich mit ähnlicher Sperrigkeit wie die Gatter auf der
Fläche behaupteten. Ebenso wenig wie die Knochen wollen sie den Schrecken des Todes visualisieren,
sondern vielmehr die Spuren des Lebens, seine Verletzlichkeit, Vergänglichkeit, Würde und Schönheit noch in den Überresten.
Aber schon 1989 hatte Franz Hilger sehr treffend formuliert, dass „PT nicht des-halb Tische
[und andere Dinge] malte, weil er sie für besonders wichtige und würdige Gegenstände hielt.
Sondern weil sie seinem Formgefühl entspra-chen.“ (Kat. Nature Morte). Und das tut in den neuen
Bildern vor allem eine langgestreckte, tendentiell quer ins Bild eingespannte Dreiecksform. Und die finden wir wieder am Schädel.
- Vom Fundstück zum Kunststück -
Der Schädel ist wohl das wichtigste Fundstück für die Steinweiden-Serie. War es im ersten Teil der
Schafbock, so ist es 2010 vor allem ein flacher, langge-streckter ohne Hörner. Er könnte
von einem Maulesel stammen und wäre als solcher fast ein Sinnbild für die nur mit Ausdauer und
Genügsamkeit zu nutzenden Weiden auf Cres.
Sie finden ihn nicht nur in den Bildern, sondern als Original im Bronze-Abguss hier im Ecksaal –
und dass wir ihn hier sehen, ist ein entscheidender Schlüssel zum Werk, den wir Ursula
Tomschiczek verdanken. Für T. haben Kadaver, Mumien und Knochen mit dem Leben zu tun: sie
sind vergänglich und doch so schön und vollkommen wie für andere ein Blumenstrauß. Dazu T.:
„schon allein der Umgang mit schönen, natürlichen Formen bringt einen als Maler wei-ter“. [Ähnlich scheint es
Picasso gegangen zu sein, der auf dem jüngsten Bildband über seine Häuser mit Giraffenschädel im Atelier zu sehen ist, Picassos Häuser, 2009].
Die Hochachtung vor der natürlichen Form mit ihren organischen Wölbungen und Oberflächenstrukturen,
die so selbstverständlich mit exakten Geraden oder sogar einem scharfen Rechteck (auf dem Nasenrücken)
einher gehen, ist jedoch nur einer der Zugänge. Der zweite ist die inhaltliche Konnotation
mit der Landschaft, aus der sie stammt. Durch seine Erinnerung an die Stimmung einer Landschaft dient
jedes Fundstück als Katalysator für die Malerei.
Im Gegensatz zu früheren Arbeiten sind diese Impulse intensiver verarbeitet,
sie werden im Bild nicht mehr so unmittelbar eingefügt, sondern stärker eingebunden oder
gleich in Malerei umgesetzt. Für die Fundstücke bedeutet das, dass ihre eigene
Materialität in dem wachsenden Oberflächenaufbau verschwindet, aber ihre Grundform das Bildgefüge bestimmen kann.
An dieser Stelle wird sehr schön klar, dass die Schubladen gegenständlich – ungegenständlich für diese Malerei nicht greifen: sie ist nicht gegenständlich oder realistisch, denn die Wiedererkennbarkeit der Gegenstände ist nicht ihr Ziel. Sie ist auch nicht abstrakt, denn es geht nicht um die Reduzierung von Gegenständlichem zugunsten seiner Bildwertigkeit. Aber ungegenständlich ist sie auch nicht, denn es gibt ja ein Motiv: es ist eine bestimmte Stimmung einer Landschaft mit ihrer Struktur, ihrer Farbigkeit, ihren Düften und Geräuschen– dem Aufbau dieser Erinnerung in der Gestalt eines Kunstwerkes dienen dabei einzelne Formen und Chiffren. Im Vordergrund für den Maler aber steht die Aufgabe der Kunst, mit dem Format zu Recht zu kommen, durch die Form in-nerhalb des Formates die größtmögliche Spannung zu erzeugen, so PT.
Wie geht das vor sich?
- Was macht das Bild damit? -
= „V. d. Analyse der Materie zur transzendenten Dimension des Mediums Malerei“ (Formulierung einer anständigen Kunsthistorikerin)
In der Ausstellung haben wir es fast ausschließlich mit Papierarbeiten zu tun, auf die annähernd
das Gleiche zutrifft wie auf die großen Leinwände, weil sie in der gleichen Intensität bearbeitet sind.
Wenn Sie Ihren Besuch heute dazu nutzen, einmal ganz nah an die Bilder heran zu gehen, können Sie den Entstehungsweg verfolgen –
in der Abbildung nicht denkbar.
Während in den Leinwandbildern zumeist die Farbe der erste Schritt ist – es gibt bei PT keine Vorz. -
finden wir hier vielfach die Rohrfederzeichnung als Ausgangspunkt. In Schwarz oder Braun, manchmal mit
Kaffee als Zeichenfarbe, die z.B. den frühen Morgen als Zeitpunkt der Entstehung ins Bild bringt.
Das Rohrfedergerüst kann allgemeine kompositorische Linien vorgeben oder feinere Strukturen,
die an Gatter erinnern, an Gestrüpp oder auch an Schädeldetails wie das Gebiss. Darauf nimmt
dann die Malerei Bezug. In einem aufwändigen Prozess, der mich an das Bestellen eines Feldes erinnert,
wird dann die Fläche aufgebaut: Farbseen laufen auf das Bild, werden mit Papieren oder Pappen trockengelegt,
die entstehenden Strukturen, z.B. von der Wellpappe, werden in grafischen Elementen wieder aufgenommen, das
Papier wird gefurcht und geprägt; plastische Formen hinterlassen ihre Spuren, auf die wiederum
neue Farben eingehen; Erden, Aschen oder Fundstücke wachsen zum Relief; Dispersion,
Ruß und Asphaltlack binden sie ein. Das durch die unterschiedlichen Feuchtstellen
gewellte Papier wird zurück in die Ebene gepresst, aber die Spannungen bleiben sichtbar –
der Raum unter dem Glas lässt es zu und gibt auch den Rand frei, der sich wie die Bildoberfläche
keiner Geraden oder glatten Ebene unterordnet. Auch T’s Gemälde sind ja nur äußerlich rechteckig –
selbst der Leinwand bleibt am Rand meist Luft, um ihre Materialität zur Geltung zu bringen.
Dazwischen entstehen Kraftfelder, die uns (wie die Physik) lehren, dass Raum nie ein Loch ist sondern Materie.
Die Eindringlichkeit dieser Kraftfelder mit ih-rem engen und eben in Teilen sogar
direkten materiellen Bezug zur Natur stellt eine wohl nicht gewünschte aber doch gefühlte
Parallele dar zu einem we-sentlichen Glaubensbestandteil wohl aller Religionen her, dass sich das Göttliche in
der Materie verkörpert - und das Bild über sich hinaus weist.
PT. würde sagen: „Dazu kann ich nichts sagen, es ist einfach gut gemacht, so ist das“. Und da hat er Recht!
© Dr. Birgit Löffler, Traunstein
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